Das Kloster Stift zum Heiligengrabe

Erika Schweizer

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Das Kloster Stift zum Heiligengrabe

Erika Schweizer

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Unter den zahlreichen ehemaligen Frauenklöstern in der Mark Brandenburg ist Heiligengrabe in seiner fast vollständigen mittelalterlichen Erhaltung der Klausur einschließlich der Klosterkirche ein begehenswerter Ort. Über die Zeit seines über 700jährigen Bestehens ist es immer geistlich belebt gewesen. Das ist eine ganz starke Kontinuität und Ermutigung!

Das Kloster wurde im Jahr 1287 als Zisterzienserinnenkloster mit  12 Nonnen durch den askanischen Markgrafen mit Unterstützung des Bischofs Heinrich von Havelberg gegründet. Es liegt in Brandenburg, etwa mittig zwischen Berlin und Hamburg, in der Provinz Prignitz. Bereits 1312 wird das Heilige Grab erwähnt.

Als um 1500 die regionale Wallfahrt zunahm, war auch Heiligengrabe eine wichtige Station,
und gehört heute zum 22km langen St. Annen Pilgerfahrt, der für Besucher des Klosters eine
anziehende Pilgerroute ist und geistlicher Einkehr dient. Im Zuge der Reformation musste das Kloster 1548 die neue evangelische Kirchenordnung annehmen. 1564 wandelte der Kurfürst das Kloster schließlich in ein evangelisches Fräuleinstift um. 1740 erhob Friedrich II das Kloster zum Damenstift.

Fast 100 Jahre lang (1847-1945) beherbergte die Abtei eine höhere Schule für Mädchen aus verarmten adligen Familien. Die Stiftsfrauen waren studierte Frauen, die den Unterricht gaben und auch am sogenannten „Damenplatz“ in barocken Fachwerkhäusern ihre Wohnungen hatten. Heute sind diese historischen, schönen Bauten wieder ausgebaut. Dort wohnen etwa 15 Menschen, die sich diesen Ort als Bleibe gewählt haben, meist verbunden mit einem starken Interesse, ehrenamtlich mit zu wirken (Gartenarbeit, Klosterführungen für Touristen u.a.m.) und überhaupt am geistlichen Leben des Klosters Anteil zu nehmen.

Die Nationalsozialisten versuchten 1933-45 die kirchliche Internatsschule in eine Heimschule umzu-wandeln, was von der damaligen Äbtissin Armgard von Alvensleben verhindert wurde. 1945 floh die Äbtissin mit den letzten Schülerinnen in den Westen. Acht Stiftsdamen blieben in Heiligengrabe.

1946 zogen Diakonissen, auf der Flucht von Oberschlesien mit 300 Waisenkindern in die Abtei ein.
Die staatliche Anerkennung der sozialdiakonischen Arbeit des „Friedenshort“ trug schließlich dazu bei, dass das Fortbestehen des Stiftes gesichert werden konnte. Unterstützung fanden die Schwestern des „Friedenshort“ vor allem in der Vikarin und späteren Pastorin der Evangelischen Kirchengemeinde Heiligengrabe durch Ingeborg Maria von Werthern, die 1952 zur neuen Äbtissin des Stifts ernannt wurde und während der DDR-Zeit würdig und tapfer die geistliche Tradition mit einigen Stiftsfrauen und den Diakonissen gepflegt hat. Frau von Werthern starb 1996.

Die nach Kriegsende in Heiligengrabe noch lebenden Stiftsdamen wohnten zunächst im Dorf und bezogen später wieder eigene Wohnungen auf dem Stiftsgelände. Die geistliche Gemeinschaft pflegten die Stiftsdamen auch weiterhin durch regelmäßig in der Heiliggrabkapelle abgehaltene Gebetsstunden. Unterstützt wurde das Stift während der langen Zeit der politischen Kälte durch die Evangelische Kirche der Union (Teil der EKD, also der den Landeskirchen übergeordneten Evangelischen Kirche in Deutschland). Geistigen und materiellen Rückhalt erfuhren die Heiligengraber Frauen auch durch den „Hilfsbund Westen ehemaliger Heiligengraberinnen“, gegründet von ehemaligen Stiftsschülerinnen. Heute wirkt diese Unterstützung weiter als „Förderverein zur Erhaltung des ev. Kloster Stift zum Heiligengrabe e.V.“ Inzwischen gehören ihm auch neue Mitglieder an. Der Kontakt zum Kloster ist lebendig. Am ersten Juniwochenende findet das jährliche Mitgliedertreffen mit ausführlichem Programm statt.

Während der DDR wurde eine Paramentenwerkstatt eingerichtet (die heute nicht mehr besteht), außerdem wurde durch den Bau eines Gästehauses der Gastbetrieb aufgenommen und durch eine sommerliche Konzertreihe viele Besucher angelockt. Gästehaus – heute Klosterhof – wie auch die qualitätsvolle Konzertreihe jeden Samstag in der sommerlichen Zeit von Juni bis September bestehen bis heute.

Mit der politischen Wende 1989 erfüllte sich der Traum, die geistliche Tradition des Ortes unter ver-änderten Bedingungen fortführen zu können. Auch der „Friedenshort“, nun wiedervereinigt mit dem westlichen Teil der Schwesternschaft in Freudenberg/Siegerland, sah sich vor neuen Aufgaben und Herausforderungen. Auf dem Gelände der ehemaligen Stiftsgärten wurden neue Wohnhäuser für Diakonissen errichtet und 1997 erfolgte der Auszug des Friedenshort aus der Abtei in die unmittelbare Nachbarschaft. Inzwischen sind alle Diakonissen in das Mutterhaus in Freudenberg zurück geholt. Der Friedenshort besteht weiter als sozialdiakonische Einrichtung. Die Nachbarschaft von Kloster und Friedenshort wie auch mit der Evangelischen Kirchengemeinde im Ort Heiligengrabe ist eine gute mit gegenseitigem Teilnehmen und Teilgeben am geistlichen Leben.

2001 wurde Dr. Friederike Rupprecht als Äbtissin eingeführt. Auch sie war, wie schon ihre Vor- gängerin, Frau von Werthern, eine Pfarrerin. Nach 14 Jahren übergab sie im Januar 2016 den Äbtissinnenstab an mich, Dr. Erika Schweizer. Somit sind die letzten drei Äbtissinnen jeweils studierte evangelische Theologinnen, die im pastoralen Dienst gearbeitet haben. Das ist eine schöne, solide, kleine Tradition! Während der Äbtissinnenzeit von Dr. Friederike Rupprecht (2001-2015) war es möglich, die nötigen Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten der vielen Gebäude des Stiftes in Angriff zu nehmen. Das Kloster Stift zum Heiligengrabe wurde als Denkmal von nationaler Bedeutung anerkannt und erhielt entsprechend staatliche Fördergelder. 2004 übernahmen Dr. Manfred Stolpe und Ingrid Stolpe die Schirmherrschaft über das Kloster, das sie liebevoll-treffend als „Kleines Wunder in der Prignitz“ beschrieben. Beide haben sich sehr für die Belange des Klosters eingesetzt, insbesondere konnte Manfred Stolpe als Ministerpräsident Brandenburgs nach der Wende seine politischen Kontakte wirksam geltend machen. So bedeutet sein Tod im Dezember 2019 einen wirklich menschlichen Verlust für unser Klostergemeinwesen.

Ich habe 2016 das Kloster als eine geistlich-kulturelle Begegnungsstätte übernommen, bereits versehen mit Angeboten zu Einkehrzeiten, zu jüdisch-christlichen Lehrgesprächen und vielen weiteren Veranstaltungen. Das Klostermuseum, der Klosterladen, die Teiche mit dem Labyrinth,
die insgesamt großzügig und schmuck erhaltene bzw. wieder restaurierte Anlage mit weitläufigem Gartengelände ist Ziel auch von Touristen. Das Kloster lebt! Auch die Jugendbauhütte Brandenburg hat in den alten Gutshöfen ihren festen Ort für die handwerklichen Seminare und bereichert diese besondere Klosterlandschaft.

Der Stiftsfrauenkonvent zählt zur Zeit 8 Stiftsfrauen, eine weitere Bewerbung liegt vor, die bei unserer nächsten Klausur entschieden wird. Der größte Teil der Stiftsfrauen lebt nicht am Ort, einige aber in der Nähe. Uns verbindet die Konventsordnung wie auch eine geistliche Ordnung, Mittagsgebete, mit festgelegten Bibellesetexten, sowie Stiftsgottesdienste und die jährliche Klausur. Außerdem bringen die Stiftsfrauen sich mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen ein. Wir sind kein Orden, sondern eine offene Frauengemeinschaft. Uns leitet die alte Benediktiner- und Zisterzienserhaltung „Ora et labora“.

Was mich bewogen hat, als Pfarrerin an diesem Ort die Aufgabe der Äbtissin zu übernehmen, hat mehrere Gründe: die Kontinuität geistlichen Lebens an einer ehemals monastischen Stätte, die ihre Ausstrahlung bewahrt hat. Dann der heute moderne Zuschnitt und die reichen Gestaltungsmöglich-keiten. Das Kloster Stift zum Heiligengrabe ist eine geistlich/weltliche Schnittstelle. Dort findet man Raum, Lebendigkeit und Stille in einer Zeit, in der Menschen solche spirituellen Orte suchen, brauchen  und lieb gewinnen.

Über den Autor

Erika Schweizer

Erika Schweizer is abbess of the monastery of Heiligengrabe in the East-German Land of Brandenburg. Started as a monastery for Cistercian Sisters, the monastery after the Reformation was turned in a so-called Stift. Erika Schweizer describes the very eventful history of the monastery as well as the development once again into a spiritual centre at the service of the surrounding population and way beyond. German.