Aus Augustijns Centrum de Boskapel wird Stadsklooster Mariken

Ekkehard Muth

Mehr | Persönliche Erfahrungen

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[origineel]

Wie oft waren die Klöster die Rettung der Kirche? Wann immer die Kirche zu säkular wurde, wurde sie von den Klöstern zum Wesen der Tradition zurückgebracht. Und als die Kirche in ihrem eigenen Traditionalismus steckte, begannen die Klöster wieder mit der Erneuerung. Und wie oft waren Klöster nicht auch die Rettung der Gesellschaft, als Zeichen  der Zivilisation, Zuflucht für Kranke, Bewahrer von Kunst und Wissenschaft, Orte der Bildung, Ausbildung und damit der Emanzipation? Vielleicht ist es kein Zufall, dass Klöster heutzutage so viel Interesse erregen. Die Klöster als Ort der Tradition und Innovation. Würde das heute wieder funktionieren?

Die Boskapel in Nimwegen stammt aus der Klostertradition. Als Kapelle der Augustiner wurde sie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil als einer der sieben offiziellen Experimentierorte im Lande zur Umsetzung der Neuerungen des Konzils ausgewiesen. Dies war perfekt für die Augustiner, nicht nur, weil sie zuvor einen Reformer hervorgebracht hatten, sondern vor allem, weil die Spiritualität Augustins selbst immer Veränderung und Fortschritt erfordert. „Zieh immer weiter, mach weiter Fortschritte. Denn sobald du selbstgefällig sagst Es reicht, wirst du untergehen“ (Predigt 169: 18).

Ziehe immer weiter

Als die Augustiner 2009 die Boskapel nicht mehr tragen konnten, nahm sich die Boskapel-Gemeinschaft die Worte von Augustinus zu Herzen und ging selbständig weiter in der Stiftung Augustijns Centrum de Boskapel fort. Ein Teilzeitpastor wurde ernannt und es wurden erhebliche Investitionen in Chor, Kirchenmusik und Liturgie getätigt. Auf diese Weise konnte die Boskapel seine Position als „Zuflucht“ für Menschen, die sich in den etablierten Kirchen nicht mehr so gut zu Hause fanden, weiter ausbauen.

Aber wir wurden bald von dem immer schneller werdenden Fortschritt der Säkularisierung überholt. Die Leute suchen es einfach nicht mehr bei den Kirchen, nicht einmal bei Kirchen, die eine Alternative bieten. An einem Punkt haben wir die Situation für uns folgendermaßen formuliert: „In der heutigen Zeit stellt sich nicht mehr die Frage, wie die Boskapel weiter existieren kann, sondern wie Sinn und Spiritualität in der Gesellschaft überhaupt weiter existieren können. Die Zukunft der Kirchen liegt nicht in der weiteren Profilierung, sondern in der Zusammenarbeit. ‘

Bei den Versuchen, in unserer Zeit der Rückgang zu überleben, sieht man in den Kirchen kurz gefasst, zwei Linien: entweder die Linie, sich nach innen zu wenden und zur Tradition zurückzukehren, oder die Linie, hinauszugehen und sich zu erneuern. So einerseits die Linie der Verringerung, Fusion, und des Rückzugs beispielsweise in eucharistische Zentren. Oder auf der anderen Seite die Linie der Pionierarbeit, sich nach außen richten und nach neuen Formen suchen.

Nach einem langen Prozess des Brainstormings, Suchens und Gesprächs beschloss die Boskapelgemeinschaft Ende 2019, erneut auf Augustines “immer weiter ziehen” zu reagieren. Wir haben die Linie der Pionier- und Außenorientierung gewählt. Von nun an werden wir als Stadtkloster Mariken fortfahren. Ein Stadtkloster, nicht als ummauertes Klaustrum, sondern ein Stadtkloster als Idee. Das Stadtkloster muss von kirchlichen Gemeinschaften, Bildungszentren, Orden, sozialen Initiativen, Denkern und Machern, Suchenden und Sehern gestaltet werden, die sich alle in welchem Ausmaß auch immer an das Stadtkloster verbinden.

Gleichzeitig haben wir uns auch unsere Tradition genau angesehen. Die äußere Orientierung wird von innen von den Feierlichkeiten der Glaubensgemeinschaft getragen. Auf diese Weise hoffen wir, dass Tradition und Innovation sich miteinander verbinden. Schließlich haben die Klöster immer beides getan: Tradition und Innovation. Wird uns diese klösterliche Tradition in diesen Zeiten wieder eine Lösung anbieten können? – Es wird einen spannenden Weg.

Stadtkloster in einer breiten Landschaft der Spiritualität

Im Vorfeld dieses Schrittes wurde uns irgendwann das Konzept der „Laura“ vorgestellt, die archetypische Form des Klosters, in dem die Einsiedler getrennt lebten, in einem weiten Gebiet verstreut in ihren Zellen und zu festgelegten Zeiten zusammenkamen, um zu feiern und Waren und Dienstleistungen auszutauschen. Mirella Klomp, Assistenzprofessorin für praktische Theologie an der PThU, spricht in diesem Zusammenhang von „Ecclesioscapes“, von Landschaften, in denen Menschen an unterschiedlichen Orten Momente der Spiritualität mit einander teilen; denken Sie an: Museen, Konzerte, The Passion, Mattheuspassion, Festivals, stille Umzüge, Vorträge, Ausstellungen, Treffen usw. Das Stadsklooster sollte nicht so sehr eine neue Institution werden, sondern eine gemeinsame Initiative, um Spiritualität und Bedeutung auf jede erdenkliche Weise einen Platz einzuräumen. 2016 erschien das Buch von Petra Stassen und Ad van der Helm mit dem Titel ‘Gott ist umgezogen’. Wir müssen mit Gott mit umziehen.

Wir sind dabei in guter Gesellschaft. Jeroen Jeroense hat die “Kirche als Kloster” bereits propagiert und nach einigem Surfen im Internet stößt man auf viele ähnliche Unternehmen. Die Protestantische Kirche in den Niederlanden beschäftigt einen verbindenden Spezialisten monastisches Kirche-sein“ und sogar  in orthodox-protestantischen Kreisen arbeitet man unter dem Titel “Monastisch-anders-missionarisch”. Klosterglossies bieten einen Einblick in die wunderbare Welt der Klosterklausur, und während sie ein Klosterbier genießen, suchen viele den Ordensman/-frau in sich.

Langer Atem

Es war ein Weg vom langen Atem. Wir haben sechs Jahre von der ersten Brainstorming-Sitzung bis zur Gründung des Mariken-Stadtklosters gebraucht. Die Idee wurde kontinuierlich weiterentwickelt, wir haben unzählige Male ähnliche Initiativen besucht und viele Gespräche geführt, viele Gespräche. Die Ideen wurden allmählich konkreter, ab einem bestimmten Punkt wählten wir den Namen “Stadsklooster Mariken”, weil Mariken van Nieumeghen es wagte, außerhalb der üblichen und damit kirchlichen Wege zu denken und zu leben. Nach vier Jahren haben wir alle Ideen in einem Memorandum „Stadsklooster Mariken – Vision, Identität, Spiritualität“ zusammengeführt.

Die wichtigsten Punkte sind:

Das Marikener Stadtkloster schlägt eine Brücke zwischen kirchlicher und gesellschaftliche Spiritualität und ist somit ein Labor für eine neue Art, Kirche zu sein.

Kreuzbestäubung, Verstärkung, Qualitätsverbesserung: Im Stadsklooster arbeiten kirchliche und nichtkirchliche Initiativen im Bereich der Spiritualität und des Sinns zusammen. Sie lernen voneinander, stärken sich gegenseitig, nutzen das Fachwissen des Anderen. Diese gegenseitige Befruchtung liefert den Beteiligten innovative Impulse und führt zu einer Qualitätsverbesserung des in Nimwegen und Umgebung verfügbaren Sinnangebots.

Erneuerung und Revitalisierung von Kirche-sein: die breite Zusammenarbeit und der Dialog mit den sozialen, nichtkirchlichen Partnern zwingen die Kirche, ihre eigene Spiritualität immer wieder zu übersetzen. Das Stadsklooster zum Beispiel ist ein Labor für die Erneuerung der Kirche.

Zusammenhalt und Lebensfähigkeit: in unserer neoliberalen Gesellschaft, die von Materie, Effizienz und Marktkräften geprägt ist, sorgt das Stadsklooster dafür, dass der transzendenten Perspektive, Spiritualität und Sinngebung in der öffentlichen Debatte mehr Raum und Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Reflexion über eine transzendenten Perspektive und über gemeinsame Werte wird zum Zusammenhalt und zur Lebensqualität beitragen.

Es ist ein ganzes Dokument geworden, aber wer es sorgfältig liest, wird feststellen, dass es nicht so sehr Dinge aufzeichnet, sondern hauptsächlich Wege aufzeigt, die begangen und erkundet werden müssen. Das Stadtkloster Mariken ist keine organisierte Reise, sondern eine Expedition.

Mitreisenden

Für diese Expedition haben wir vom Anfang an Mitreisende gesucht. Das Stadsklooster soll keine Institution werden, sondern eine gemeinsame Reise kirchlicher und sozialer Initiativen, eine Laura mit Zellen unterschiedlicher Größe. Deshalb haben wir in den letzten sechs Jahren, und immer noch, viele Gespräche geführt. Durch unsere Unabhängigkeit wollten wir das Stadtkloster in Freiheit errichten, aber gerade auch in Verbundenheit mit dem, was wir “die Mutterkirchen” nennen. Wir haben die Pläne frühzeitig der Rat der Kirchen in Nijmegen vorgestellt und uns mit dem Dechanten von Nijmegen getroffen. In einem Gespräch mit Mgr. Gerard de Korte, Bischof von den Bosch, gab er uns einen Berater zur Seite. Wir hatten eine ganze Reihe von Gesprächen mit dem PKN-Pionierteam. Und wir saßen mit Mgr. Joris Vercammen, damals Erzbischof der Altkatholischen Kirche der Niederlande, am Tisch.

Auf lokaler Ebene hingegen stießen wir allmählich immer wieder auf den Reflex, sich in Zeiten der Not nach innen zu wenden, an der eigenen Eigenheit festzuhalten und so lange wie möglich wie üblich weiterzumachen, auch wenn dies mit erheblichen materielle und finanzielle Zugeständnisse einhergeht.

Als das Ökumenische City Pastorat in Nimwegen über eine mögliche Fusion sprechen wollte, baten wir sie, Mitinitiator des Stadskloosters zu werden. Wir wollten uns nicht dem inneren Weg des Verkleinerns und Zusammenführens anschließen, sondern gemeinsam etwas Neues schaffen. Wir haben auch auf diesem Weg ziemlich viel zusammengearbeitet, bis ein unerwartetes internes Problem bei der OCP auftrat, der Vorstand daher zurücktrat und man vorerst nicht mehr die Kraft hatten, weiter am Stadtkloster mitzubauen.

Seit Jahren arbeiten wir mit einer Pfarrei zusammen, die auch ihre Wurzeln in der klösterlichen Spiritualität hat. Im Kirchengebäude und in den umliegenden Räumlichkeiten  wäre genügend Platz für den Stadsklooster, und aus den gemeinsamen Wurzeln hinaus, könnte es möglicherweise vom Einwohnen zum Zusammenwohnen kommen können. Die ersten Gespräche waren begeistert, das Pastorenteam war rundum zufrieden. Einer der Pastoren gab uns sogar eine Postkarte mit dem Text: “Willst du mit mir hausen?” – bis klar wurde, dass sich das Stadsklooster hauptsächlich auf das Äußere richtet, während der Schwerpunkt der Pfarrei doch auf dem Aufbau der Gemeinschaft und der Vertiefung des Glaubens der eigenen Gemeinschaft liegt.

Wir haben mit der protestantischen Kirche in den Niederlanden und der protestantischen Gemeinde Nimwegen gesprochen. Angesichts der dortigen Schrumpfungssituation wollten wir gemeinsam überlegen, ob ein gemeinsam getragenes Stadsklooster eine Perspektive bieten könnte. Ab einem bestimmten Punkt waren wir im Begriff, ein Pioniersort zu werden, ein ökumenischer Pioniersort, der eine Brücke schlägt zwischen den Kirchen einerseits und zwischen Kirchen und Gesellschaft andererseits. Aber auch hier der gleiche Reflex: anstatt Pioniersarbeit zu leisten und zu untersuchen, wie Kirche-sein aussehen könnte, wurde der Plan abgelehnt, weil das PKN-Pionierprogramm eindeutig auf die Gründung traditioneller Gemeinden abzielt.

In der Zwischenzeit plante die protestantische Kirche in Nijmegen, die Maranatha-Kirche zu verkaufen. Ein Mitglied der Boskapel-Gemeinschaft, der nicht weiter erwähnt werden möchte, hatte die Idee, die Kirche aus eigenen Mitteln zu kaufen, zu renovieren und geeignet zu machen, damit Stadsklooster und die protestantische Gemeinde dort zusammenleben (und vielleicht aufeinander zuwachsen) könnten. Es folgte ein Jahr mit vielen Gesprächen mit dem Investor, vielen Gesprächen mit der protestantischen Gemeinde Nimwegen und Führungen durch das Gebäude. Bis im Konsistorium große Meinungsverschiedenheiten über die doch sehr großen Schritte auftraten. Der gesamte Verkauf wurde eingestellt.

Wir befinden uns derzeit in Gesprächen mit dem Antonius-Pilgerhaus, einer Initiative des Standortes Antonius von Padua der Stefanus Pfarrei in Nimwegen. Das Pilgerhaus möchte ein Ort für Pilger sein, aber auch für Menschen auf ihrem Weg durch das Leben. In einem alten Pfarrhaus sollen Zimmer für Pilger und für Menschen realisiert werden, die zeitweilig einen anderen Ort brauchen. Und es muss ein inspirierendes Programm von Besinnung, Vorträgen, Spaziergängen, Mahlzeiten usw. geben. Pilgerhaus und Stadtkloster könnten sich gut ergänzen. Die Gespräche dauern noch an und wir sind gespannt, wohin uns die gemeinsame Reise führen wird.

Zwei Tage

Ganz anders verliefen die Kontakte zu nicht-kirchlichen, weltlichen, gesellschaftlichen Initiativen. Am 5. und 6. Oktober 2018 organisierten wir eine zweitägige Veranstaltung, die mit einem Symposium begann, bei dem zwölf Initiativen (von denen 7 nichtkirchlich und 3 zwar kirchlicher Ursprung, aber jetzt unabhängig) ihre Arbeit im Bereich Spiritualität und Sinngebung präsentierten. In keiner bestimmten Reihenfolge waren dies das Zentrum für die Begegnung in Lebensfragen, das Vincent de Paul-Zentrum Niederlande, Huis van Compassie, Alle Talente zählen, SOL-Identitätsberatung, Voller Vertrauen Weiter, Pilgerhaus Antonius, Leerhuis Westerhelling, ZIN in Nimwegen, Pleisterplaats für die Seele, Zentrum der Apfel, OPEN Slowcafé. Vorsitzender des Tages war René Grotenhuis, Vorsitzender der VKMO, Vereinigung katholischer sozialer Organisationen und Autor des Buches „Van Macht ontdaan (Der Macht erledigt)“, in dem er dazu aufruft, der Zusammenbruch des Instituts als Chance für eine völlig andere und neue Art der Kirche zu sehen.

Alle Initiativen waren ausnahmslos offen für eine weitreichende Zusammenarbeit. Die Idee von Stadsklooster erwies sich jedoch für zwei Initiativen als zu spät. Sie hatten schon zu lange versucht, alleine zu überleben. Zusammen mit den anderen, und es gibt noch mehr in Nimwegen, werden wir mit dem Bau eines “Zusammenarbeitsverband Spririscapes” beginnen. Dies wird das Herz des Stadskloosters sein. Hier muss eine Kreuzbestäubung stattfinden, hier wollen wir uns gegenseitig inspirieren und hoffen letztendlich, die Lebensqualität in unserer Stadt mit einem verbesserten und koordinierten Sinngebungsangebot zu verbessern.

Am zweiten Tag kamen selbstständige Religionsgemeinschaften, monastische Initiativen, Initiativen zur Erneuerung der Kirche, Orden und Vertreter der Mutterkirchen zusammen. Der Tagesvorsitzender war Hendro Munsterman, Theologe, Journalist und Vatican-watcher. Mirella Klomp führte in den Tag ein, indem sie auf den sich wandelnden Platz der Kirchen in der viel breiteren Landschaft der Spiritualität hinwies wie auf die Notwendigkeit, sich auf diese Landschaft zu beziehen. Leo Fijen (‘Klooster’-Magazin) sprach über die Sehnsucht nach klösterlicher Spiritualität. Thomas Quartier osb und der frühere Provinzial Paul de Wit osa warfen Licht auf die weite Landschaft der Spiritualität aus Sicht der etablierten Orden. Im Namen der Mutterkirchen sprachen René de Reuver – PKN, Henk Jansen im Namen von Mgr. de Korte – RKK und Bernd Wallet – (damals noch nicht Erzbischof der) Altkatholische Kirche der Niederlande. Embregt Wever (Diözese den Bosch) betonte die Berufung, die gerade von einer säkularisierten Gesellschaft ausgeht. Professor für Ökumene Peter Nissen sprach über eine flüssige Kirche (vloeibare kerk). Bart-Jan van Gaart erklärte, wie der Augustijns Verband die Verbindung zwischen nichtkirchlichen und kirchlichen Initiativen sucht, die von Augustinus inspiriert sind. Der Verbindendspezialist monastisches Kirche-sein Egbert van der Stouw gab einen Überblick der innovative Initiativen auf monastischer Basis. Hanna Rijken präsentierte den von PKN und OKKN initiierten Pionierort Evensong & Pub in Utrecht.

Mit diesem umfangreichen Programm dieser zweitägigen Veranstaltung haben wir das  Stadtkloster Mariken in den Kontext einer breiten spirituellen Landschaft kirchlicher und sozialer Spiritualität gestellt.

Höre, aber ich kann nicht hören

Bei so viel Begeisterung, sag mal “von außen”, hatten wir nicht erwartet, dass der eigentliche Widerstand “von innen” kommen würde. Angesichts der Geschichte der Boskapel-Gemeinde – zunächst als Versuchsort für die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils, dann als Zufluchtsort für Menschen, denen es schwer fällt, sich in die kirchlichen Regeln einzufügen, und schließlich als Gemeinde, die 2009 beschlossen hat, den Weg der Erneuerung als unabhängige Kirchengemeinschaft fortzusetzen – mit einer solchen Geschichte und Erfolgsbilanz dachten wir, dass Innovation Teil der Gene der Boskapel geworden war.

Wir hatten das falsch eingeschätzt. Unsere eigene Gemeinschaft zeigte schließlich auch den bekannten Reflex, sich nach innen zu wenden und das, was man hat, wenn notwendig mit drastischen Einschnitten auf Inhalt und Qualität, beizubehalten. – Ehrlich gesagt hat uns das überrascht. In den letzten sechs Jahren hat jede „Kapelleberatung“ den notwendigen Übergang zu einer anderen Art, Kirche zu sein, erörtert. Keine Ausgabe unseres Kirchenmagazins, die keine Ideen zu dieser Änderung enthält. Aber für viele blieb es eine „weit von meinem Bett Show“. Hinterher sagten viele Leute, dass sie nicht dachten, dass die Dinge so schnell gehen würden, dass es natürlich wichtig ist, über die Zukunft nachzudenken, aber sie sahen es hauptsächlich als eine Angelegenheit für den Vorstand und den Pastor.

Altlasten

Dieses Verhalten, sich nach innen zu wenden und „es nicht wollen“, wurde durch eine Verzerrung der Dynamik des Partizipantenrates erheblich verstärkt. Dieses Beteiligungsgremium sollte es der Gemeinschaft einst ermöglichen, sich auf demokratische Weise an der Festlegung des gemeinsamen Kurses zu beteiligen. Im Laufe der Jahre hat sich jedoch im Partizipantenrat eine Kultur eines Oppositionsgremiums entwickelt. Anstatt aktiv an den Höhen und Tiefen der Gemeinschaft mitzuarbeiten, ist man zunehmend in eine „ nachfolgende Kontrollposition“ geraten. Darüber hinaus schien es, dass ein Fehler in der Satzung es ermöglichte, in eine Pattsituation zu geraten, in der der Vorstand keinen Handlungsspielraum mehr hatte.

Schon vor diesem gesamten Übergangsprozess war klar, dass diese Entwicklung und der Fehler in den Statuten möglicherweise die Gemeinschaft gefährden könnten. Aber nie war der Druck groß genug gewesen, um die Sache an zu gehen. Bei der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland war von “Altlasten” die Rede, alte Vereinbarungen, Schulden, Umweltbelastungen, überfällige Wartung usw. Es wäre besser gewesen, diese Altlasten zuerst aus der Geschichte der Boskapel zu entfernen, jetzt waren sie ein lebensgroßes Hindernis.

Wann immer der Vorstand beim Teilnehmerrat appellierte, dass sie doch auch für die Erhaltung und Entwicklung der Gemeinschaft verantwortlich seien, wurde erklärt, dass der Vorstand Lösungen präsentieren sollte und dass sie dann sehen wollten, ob die Gemeinschaft dies wollte. Diese verzerrte Dynamik und der statutarische Fehler führten zu einem Misstrauen, das der Gemeinschaft großen Schaden zufügte. Infolgedessen hat die Entwicklung zwei Jahre (!) praktisch still gestanden.

Erneut immer weiter ziehen

Trotz aller Widerstände haben wir die Pläne weiterentwickelt, Kontakte geknüpft und bereits auf „stadtklösterlicher“ Weise gearbeitet. Die Hoffnung war, dass die Gemeinschaft leichter zurechtkommen könnte, wenn hier und da sichtbar würde, wie es aussehen würde. Die Tatsache, dass in dieser Zeit viele Versuche der Zusammenarbeit und des Zusammenlebens starben, half nicht gerade. Alles in allem hat diese letzte Periode viel Energie gekostet. Menschen, aber auch die Gemeinschaft der Boskapel sind fast unter gegangen.

Trotzdem begann sich der Prozess schließlich wieder zu bewegen. Im Frühjahr 2019 stellte sich heraus, dass die Amtszeit für die Hälfte der Mitglieder des Partizipantenrates abgelaufen war. Neue Leute traten dem Rat bei, die nicht mehr daran interessiert waren, wer richtig oder wer falsch war, sondern die die Dringlichkeit sahen, dass diese Pattsituation nicht länger andauern sollte. Darüber hinaus kamen in diesen Monaten immer mehr Stimmen von der Glaubensgemeinschaft, um endlich zu einer Lösung zu gelangen. Es wurde gemeinsam vereinbart, zu prüfen, ob Statuten ausgearbeitet werden können, die den Ideen des Stadtklosters gerecht werden und in denen die Kirchengemeinschaft ihren Charakter behalten kann. Aufgrund des inzwischen entstandenen Misstrauens wurde die Satzung Gegenstand zäher, millimetergenaue Verhandlungen. Aber am Ende hat es geklappt.

Mit dem Ergebnis gingen wir zurück in die Gemeinschaft. In einer Kapellenberatung gaben wir Erläuterungen zum Prozess und den Ergebnissen dieser Verhandlungen. Wir eröffneten das Kapellentreffen mit einem Ritual, das sich um den Stab eines Pilgers drehte, an dem ein Rucksack befestigt war. Aufgrund all der Kämpfe war der Rucksack so schwer geworden, dass wir keine weiteren Fortschritte machen konnten. Zusammen nahmen wir die schweren Steine heraus, die Steine des Misstrauens, des Zorns und der Enttäuschung. Nach einem Abend voller Fragen, Zuhören und Reden füllten wir endlich unseren Rucksack mit brennenden Herzen und schrieben, wie jeder von uns sein Herz brennen lassen wollte. Einige schrieben ihre Namen nur, um selbst das Herz und die Seele des Stadtklosters Mariken zu werden. Nach Zustimmung der Glaubensgemeinschaft unterzeichneten die Vorsitzenden des Partizipantenrates und des Vorstandes die Entscheidung, die Statuten zu ändern und damit den Übergang von Boskapel nach Stadsklooster Mariken zu vollziehen.

Pilgerstab

Trotz der schwierigen Zeit am Ende war es ein aufregender Prozess mit viel Inspiration beim gemeinsamen Brainstorming, mit Gesprächen, die unseren Horizont erweiterten und unsere Berufung in der weiten Landschaft der Spiritualität erforschten. Aber nach sechs Jahren sind wir noch nicht da, nein, es fängt erst jetzt an. Der Pilgerstab mit einem Rucksack voll guter Proviant, steht in der Tür und kann es kaum erwarten, mit uns aufzubrechen. Augustinus‘ Aufruf, “zieht immer weiter”, ist lauter als je zuvor.

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Ekkehard Muth