Antwort auf das Online-Klopfen an der Tür: Die Regel von Benedikt auf Twitter

Maria van Mierlo

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Antwort auf das Online-Klopfen an der Tür: Die Regel von Benedikt auf Twitter

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[origineel]

Twitter – man liebt es, man verabscheut es oder es lässt einem kalt. Lange Zeit gehörte ich zur letzteren Kategorie. Bis ich beruflich dort gelandet bin und mitmachen musste. Es gab viel Hässlichkeit, Leute, die sich nicht einmal kannten, beschimpften einander gegenseitig, und falsche Nachrichten wurden geteilt, als kämen sie vom offiziellen Nachrichtendienst. Es war suchen nach etwas, das schön oder von Wert war. Aber schließlich landete ich in einer abgelegenen Ecke von Twitter, wo Gott war. Wo Menschen es wagten, über ihren Glauben zu sprechen, wo Nachrichten über das religiöse Leben umherschwebten. Danach ging es schnell. Ich reagierte nicht mehr ad hoc auf das, was daherkam, sondern beschloss, meinen eigenen Klang hörbar zu machen; den Zisterzienserklang. Aber wie?

Unsichtbares Klosterleben

Ich wurde involviert im NICC-Projekt, und der Abstand zwischen „klösterlichem Leben“ und „Gesellschaft“ war mir mehr denn je aufgefallen. Die schönsten Pläne im Bereich der Kommunikation werden leider oft nicht aufgegriffen von diejenigen, die ein kontemplatives Klosterleben gewählt haben. Aus der reinen Absicht, der Welt zu entsagen, ist manchmal die Vorstellung entstanden, dass alles aus der Welt schlecht ist. Dadurch ist eine Kluft zwischen denen entstanden, die innerhalb und außerhalb der Klostermauern leben. Wo einst Klöster ein Teil der Gesellschaft waren, die sie mit Geld, Gütern und Arbeitskraft versorgte, sind sie heute oft zu versteckten Orten geworden, von denen die meisten Menschen nicht mehr wissen, wie sie zu finden sind. Ich hörte einmal einen Abt erzählen, dass er auf dem Postamt erklären musste, was ein „Abt“ ist, nachdem er ein Formular ausgefüllt hatte. Das ist das Haupt einer Abtei“, sagte er. Die nächste Frage aus dem Schalter war: „Was ist eine Abtei? Ein aussagekräftiges Beispiel. Das passiert, wenn man unsichtbar sein will.

#BenedictRules

Aus dieser Gegebenheit entstand der Wunsch, „etwas“ vom Klosterklang auf Twitter hören zu lassen. Es wurde die Benediktsregel. Ich habe den alten Text in eine lange Reihe von Tweets übersetzt, wenn ich richtig gezählt habe: 141. Anne Christine Girardot, eine französischsprachige Freundin, übersetzte meine Tweets ins Französische und sie kam auf den Hashtag #BenedictRules – immer schön, wenn ein Name zum Lächeln anregt. Am 12. April 2021 wurde das Projekt gestartet. Seitdem posten wir jeden Tag um 8 Uhr morgens einen Tweet, sowohl auf Französisch als auch auf Niederländisch. Die Idee wurde aufgegriffen, die Zeitung Trouw schrieb darüber, und inzwischen gibt es mehr als 550 Follower. Und es breitet sich aus; die spanische, englische und deutsche Übersetzungen sind fertig und werden bald veröffentlicht, von anderen Accounts aus, in Spanien, Amerika und Deutschland. Ein fliegender Start – offenbar wurde eine empfindliche Saite berührt.

Kürzlich habe ich neben den Benedictus-Tweets eine kleine Umfrage durchgeführt, in der ich die Follower gefragt habe, was sie sich nach der Fertigstellung dieses Projekts wünschen. Mit anderen Worten: was nach dem letzten Tweet zu tun ist. Von den Personen, die geantwortet haben, sagten 76 Prozent, dass sie mit einem anderen monastischen Text weitermachen würden. Und 15 Prozent sagten: alles noch einmal posten. Ich hatte die Gespräche des Wüstenvaters Joannes Cassian als ein Beispiel für einen möglichen Folgetext erwähnt. Wie alt wollen Sie es haben? Aber ich war beeindruckt von der Neugierde und dem Interesse der Menschen daran. Es war mehr als eine persönliche Ermutigung; es ließ mich sehen und spüren, dass es immer Menschen gibt, die sich nach dieser alten Weisheit sehnen, nach dem Guten, Wahren und Schönen, nach einem Leben mit Gott. Nach Richtlinien, Griffe. Fast so, als ob sie sagen würden: „Lehre es uns!“

Den suchenden Menschen entgegen treten

Ich habe das Gefühl, dass es die gleiche Bewegung ist, die früher von der Gesellschaft in die Klöster ging. „Speise uns, hier sind wir“. Die Weisheit, nach der sich der Mensch sosehr sehnt, kann überall erklingen, auch auf dem geschmähten Twitter. Oder vielleicht: gerade dort. Das Christentum sollte sich vorzugsweise an den ausgefransten Rändern der Gesellschaft bewegen, sollte Situationen aufsuchen, in denen Gott weit weg ist um gerade dort präsent zu sein. So wie Jesus unter den Ausgestoßenen und an Orten gefunden wurde, wo es Hässlichkeit und Unglauben gab, so darf die Weisheit Benedikts heute in den sozialen Medien erklingen. Wenn es irgendwo ein Bedürfnis nach Schönheit gibt, ist es wohl da.

Nun gehen kontemplative Klosterorden nicht auf die Straße, um den Armen und Bedürftigen zu helfen. Aber wenn die Armen und Bedürftigen an die Tür klopfen, wird immer gastfreundlich aufgetan. Mit dem Verstummen der Menschstimmen am Tor sind die Suchenden selbst nicht verschwunden. Selbst diejenigen, die nicht wissen, was eine Abtei ist, wurden mit einer Sehnsucht in ihrer Seele geboren, und die Stimme dieser Menschen – das heutige Klopfen an der Pforte – ist immer noch da. Sie kann online gehört werden. „Höre!“ ist die Devise. Und dann aufmachen.

Über den Autor

Maria van Mierlo

Maria van Mierlo ist Zisterzienserlaie und arbeitet als Kommunikationsexpertin. Sie ist Chefredakteurin und Co-Autorin der Zeitschrift ‚Klooster!‘. Über Heb Het Hart (Habe das Herz) begleitet und entwickelt sie Exerzitien auf der Grundlage der BenediktsRegel.

Für diejenigen, die nicht auf Twitter aber trotzdem neugierig auf dieses Projekt sind: die Tweets werden auf der Website von Maria van Mierlo „Communicatie“ veröffentlicht.